Von der Gefahr des Geländers
- Roger Koch

- Jun 11
- 2 min read
Als ich beim Rundgang durch eine Firma eine Treppe hinaufstieg und dabei zwei Tritte auf einmal nahm, sagte der freundliche Angestellte: «Herr Koch, halten Sie sich doch bitte am Geländer fest.» Ich hielt es für einen Witz und lächelte ihn an – nur um festzustellen, dass er es todernst meinte. Denn er fügte hinzu: «So vermeiden wir jährlich zig Unfälle.»
Kann man ernsthaft etwas gegen Unfallprävention haben? Nein, eigentlich nicht. Und doch blieb ein Unbehagen zurück.
Es war die Frage nach dem Preis. Wir alle wissen es: Alles hat einen Preis. Doch bei Gesundheit und allem, was uns sicherer und langlebiger machen soll, fällt sie unter den Tisch. Diese Frage zu unterschlagen – darin lag der Fehler.
Was also ist der Preis für etwas so Banales wie das Festhalten am Geländer? Die Veränderung der Mentalität. Wir infizieren unser Denken mit der permanenten Möglichkeit des Unfalls. Die Firma verhindert ihre Unfälle, ja, ja, aber sie impft zugleich ein Heer von Mitarbeitenden mit der latenten Angst vor dem Um- und Hinfallen. Das nennt sich dann Risikosensibilisierung.
Im Einzelfall mag das kein Problem sein. Aber in der Masse verlernen wir, was unser Land, unsere Gesellschaft, uns selbst so vital gemacht hat: das Eingehen von Risiken. Wer das Risiko partout ausschalten will, macht die Welt vermeintlich sicherer – zum Preis einer Ängstlichkeit, die bloss noch bewahren will, bloss noch eine Verlängerung der Gegenwart, aber keine Zukunft mehr will. Denn Zukunft ist unbekannt, also riskant. Und so trocknen wir schleichend aus, was uns lebendig macht: das Biotop des Unternehmers.
Das ist der Preis. Und er löst jenes Unbehagen aus, das sich so selten benennen lässt.
Wir aber wissen es jetzt. Und können die nächste Regel zur Risikosensibilisierung mit guten Argumenten kippen.
Und nehmen die Treppe wieder zwei Tritte auf einmal. Auch ohne Geländer.



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