Vom letzten Vorsprung

Als Amazon um die Jahrtausendwende Fahrt aufnahm, dachte ich mir: Jetzt müsste man einen richtig guten, analogen Buchladen eröffnen. Mit «richtig gut» meinte ich: einen Ort, der mich mehr anzieht, als es Laptop und Bequemlichkeit vermögen.
Einen solchen Ort gibt es bestimmt, bloss hab ich ihn nicht gefunden. Die meisten Buchläden, die ich kenne, reagierten auf die Online-Herausforderung ungefähr so: bessere Infrastruktur, zum Beispiel eine Leseoase, mehr Platz, grössere Auswahl.
Das ist alles schön und gut, aber wo liegt der echte Unterschied zwischen dem Laden, den ich gern besuche, und dem Onlineportal, bei dem ich einfach klicke? Es ist natürlich das haptische Erlebnis, die Einladung zum Verweilen – aber vor allem wäre es: so richtig gutes Personal.
Menschen, die mich mit einem Lächeln empfangen, charmant in ein Gespräch verwickeln, mit ihrer Belesenheit begeistern, mit denen ich über Bücher statt bloss über Bestellprozesse diskutieren kann – kurz: Personal, das mich aus meiner Bequemlichkeit in den Laden verführt.
Ist leider meist Fehlanzeige. Kein Vorwurf: Ich weiss, wie schwierig es ist, Leute zu finden, die den Unterschied machen. Trotzdem müssen wir aufhören zu jammern. Wenn wir als Menschen nicht immer noch überflüssiger werden wollen, bleibt uns nur eines: den Beweis antreten, dass es uns braucht.
Wie? Mit unserer Präsenz. Mit unserer Aura. Mit jenem letzten Vorsprung, den wir gegenüber den Maschinen noch haben: der freundlichen, engagierten, charmanten und kompetenten Ausstrahlung.
Mag wenig sein, aber einen anderen Trumpf haben wir nicht. Das müsste auch die Chefin jedem Einzelnen im Laden klarmachen: Mit dem Sortiment von Amazon und der Belesenheit der KI können wir es nicht aufnehmen – aber menschlich haben wir die Nase vorn. Zumindest hätten wir das …
Aura statt Amazon. Gilt übrigens nicht nur für Buchläden.



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