Von der geliehenen Stimme
- Roger Koch

- Jul 2
- 2 min read
Ich hatte die Beiträge von H. K. sehr gern gelesen. Scharfzüngig, gelegentlich bissig, oft klug. Nur sind die meisten Formulierungen erkennbar die einer KI, nicht seine eigenen. Schlimm? Eigentlich nicht, dachte ich – bis ich ihn zum Kaffee traf und der Putz gehörig bröckelte. Freundlich gesagt: Der Mann am Tisch hatte mit der Stimme in den Texten wenig gemein ...
Seither lese ich seine Beiträge nicht mehr. Es ist weder Absicht noch Trotz, ich habe einfach das Interesse verloren. Aber warum eigentlich?
Zunächst die harmlosere Vermutung: Ein Text bereitet Information für mich auf. Steht dahinter in Wahrheit eine KI statt des vermeintlichen Autors, so reisst diese Informationsfunktion ein. Dann kann ich die KI ja gleich selber fragen – gehe zur Quelle statt zum Brunnen, weil aus beiden plötzlich dasselbe Wasser fliesst.
Nun die etwas schwerwiegendere Ahnung, Sie kennen das vom Hörensagen oder aus eigener Erfahrung: Man verabredet sich zu einem Date, und die Person am Treffpunkt ist mit jener auf dem Foto höchstens verwandt. Man kommt sich ziemlich blöd vor. So erging es mir beim Kaffee mit H. K.: Die Texte hatten mir einen Menschen versprochen, den es so nicht gab. Die Visitenkartenfunktion des Textes war eingerissen – und dann kann ich mir das Treffen auch gleich schenken.
Jetzt könnte man einwenden: Vielleicht sind die Gedanken ja doch jene von H. K., und die KI hat sie nur in Worte gefasst. Schon möglich. Bloss: Darauf kommt es gar nicht an. Die wenigsten unserer Überzeugungen sind genuin unsere eigenen; meist haben wir einfach vergessen, woher wir sie haben. Was wirklich uns gehört, was wirklich wir sind, ist die Art, wie wir es sagen. «Le style est l'homme même» (Buffon). Und genau das opfern wir, wenn wir KI-Phrasen dreschen.
Keine Moral und kein Plädoyer für KI-Kennzeichnungen oder Schlimmeres. Ich bin ein grosser Freund der KI und arbeite täglich mit Claude. Alles, was ich will: dass das, was wir in die Welt hinausposaunen, noch irgendwie wir selbst sind. Nicht wegen der Moral, sondern wegen der Sache: Wer im Text weder neue Informationen noch einen Menschen findet, hat keinen Grund mehr, ihn zu lesen.
Bleibt die Frage, wie wir künftig mehr übereinander erfahren, wenn die Texte den Autor nicht mehr zeigen. Wahrscheinlich so wie früher: am Tisch, bei einem Kaffee. Hat bei H. K. ja auch gut funktioniert: ein echter Mensch nach all den schönen Sätzen.



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