Vom alten Wein in jungen Schläuchen

Economiesuisse, Gewerbeverband und Arbeitgeberverband haben am Montag eine Umfrage unter knapp 3000 Ausbildnern publiziert – und geisseln die Schule: Die Jungen seien Schläuche im Schreiben und Rechnen, ihre zunehmende Inkompetenz sorge bei den Unternehmen für Zusatzaufwand, also die alt-neue Forderung: Fokus auf die Grundkompetenzen.
Alle Jahre wieder, könnte man sagen. Gemeckert wird seit Jahrzehnten über die nächste Generation – also gehen wir zum courant normal über. Aber ich glaube, die Forderung der drei Verbände hat was.
Versuchen Sie sich mal zu erinnern: Wie alt waren Sie, als Sie Ihre erste Mail geschrieben haben? Und war es schwierig? Ich war 21, und wahrscheinlich dauerte es keine halbe Stunde, bis ich es verstanden hatte und meine erste digitale Post durch den Äther rauschte. Warum? Weil ich Briefe schreiben konnte.
Das ist der ganze Witz. Wir beherrschen eine neue Technologie immer mit alten Fertigkeiten. Das war schon so, als Google auftauchte: Wer bereits zig Bücher und andere Texte gelesen hatte, der fand sich in den Google-Resultaten zurecht. Sein geübtes Auge blieb beim Guten hängen und überlas den Schund. Ob eine Quelle taugt, sieht eben nur, wer etwas über die Welt weiss – mediale Kompetenz speist sich offline. Und dann ist es wieder dieselbe Leier: Wer schon klug ist, nutzt das Werkzeug besser als die anderen. Es ist die alte Schule, die den Unterschied macht: Wer schreiben kann, kann mailen lernen. Wer rechnen kann, kann Excel lernen. Wer denken kann, kann KI lernen.
Zurück zur Umfrage: Die einzige Fertigkeit, die sich laut den Betrieben verbessert hat, ist übrigens die digitale «Kompetenz». Kein Wunder: Im digitalen Biotop lernt sich das Wischen von selbst. Die Digital Natives, sagt die Forschung seit Jahren, sind ein Mythos: flink im Konsumieren, unbeholfen im Erzeugen. Fürs Beherrschen braucht es eben das analoge Reservat.
Darum: Schule muss lehren, was nicht von selbst geschieht. Stattdessen ertrinkt sie im Meer des Immermehr. Die Verbände haben recht.
Zeit für alten Wein in jungen Schläuchen.



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