Vom Krampf mit unserer Biologie, Teil II

Wann immer ich das Fass von letzter Woche aufmache – der Mensch will sich partout nicht auf seine Biologie reduzieren lassen, die einen sprengen sie, die anderen bewachen sie, Milliarden kosten beide –, kommt verlässlich der Moment, in dem jemand mit ernster Miene sagt: alles eine Frage des Masses. Man dürfe es halt nicht übertreiben. Die Zitatefreaks legen Paracelsus nach: Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.
Klingt furchtbar schlau – löst aber das Problem nicht. Denn «zu viel» heisst definitionsgemäss «die Menge, die schadet»; wer sagt «übertreib es nicht», sagt nur «nimm die Menge, die dir nicht schlecht bekommt». Das ist keine Antwort, sondern eine als Antwort verkleidete Frage. Und zwar: Woran erkenne ich das Zuviel, bevor es zu spät ist?
Meine Antwort: durch Begegnung mit der Sache. Durch Erfahrung. So, und nur so, wird Urteilsvermögen gebaut. Und deshalb kämpfen jene, die ihre Biologie beherrschen wollen, auf viel verlorenerem Posten als jene, die sie zu sprengen suchen.
Denn wer «es übertreibt», der hatte eine Begegnung. Er weiss, wovon er spricht, weiss, was das Zeug anrichten kann – und hat darum die Chance, das Masshalten zu lernen. Tut nicht jeder, schon klar. Aber er hat wenigstens die Möglichkeit.
Wer seine Biologie dagegen bewachen will, der macht einen weiten Bogen um alles, was er nicht kennt, er kommt nie mit der Sache in Berührung. Ohne Begegnung aber übernimmt die Fantasie und spielt einem sämtliche Streiche der Welt. Siehe Molière: Argan, der eingebildete Kranke, der nie wirklich krank und darum auch nie zu heilen war, ein Leben lang in Behandlung für Leiden, die nur seiner Einbildung entsprangen.
Mein Dauerplädoyer für ein riskanteres Leben, für Freiheit statt Sicherheit, gegen eine Gesellschaft, die den Risikofreudigen zum Hasardeur und den Vorsichtigen zum Helden macht, fusst auf dieser simplen Formel: Wer etwas wagt, der kann etwas lernen. Wer ausweicht, dem bleibt nur die Dauerschleife des eigenen Ichs.
Beide siechen, gewiss: der eine an etwas, der andere an nichts. Aber gegen nichts ist kein Kraut gewachsen.



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