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Von Mode und Wahrheit

  • Writer: Roger Koch
    Roger Koch
  • May 21
  • 2 min read

Letzte Woche beim Mittagessen mit den pubertierenden Kindern mal wieder eine jener Diskussionen über Sinn und Unsinn von Schreiben und Schule. Es geht hin und her, es wird laut und lauter, und am Ende schleudert mir mein Sohn siegessicher entgegen: «Schreiben am Laptop ist modern, von Hand schreiben ist einfach überholt!»


Aha.


«Überholt»?! Was soll das denn eigentlich heissen … Hört man ja auch im Unternehmenskontext immer wieder: Dieser Ansatz ist aus der Mode, jene Theorie veraltet, diese Führungsmethode überholt.


Ich räume hier mal auf: «Veraltet» wie «überholt» können genau zweierlei bedeuten: 1. Es ist widerlegt worden, man hat etwas Besseres gefunden. Beispiel: Das Antibiotikum hat den Aderlass ersetzt. 2. Es ist aus der Mode gekommen, ohne den Nachweis einer Verbesserung. Beispiel: Das Grossraumbüro hat das Einzelbüro abgelöst – modern, aber überhaupt nicht produktiver.


So weit, so klar. Wer trotzdem «veraltet» oder «überholt» in den Mund nimmt, drückt sich um genau diese Unterscheidung herum. Die Begriffe klingen modern, ersparen dem Sprecher aber das Argumentieren – und nehmen der Diskussion die Klarheit.


Wenn Ihnen nächstes Mal jemand mit «veraltet» und «überholt» kommt, fragen Sie einfach, was er oder sie damit meint. Ich garantiere Ihnen, Sie werden Zeuge eines herrlichen sprachlichen Schwimmfests werden. Und wenn Sie das nächste Mal was Konstruktives beitragen wollen, fragen Sie einfach: «Ist es richtig?» oder «Erreichen wir damit das Ziel?» So bringen Sie das Gespräch wieder auf Kurs.


Apropos Gespräch: Hatte mein Sohn eigentlich recht? Nein, er wurde widerlegt. Laut Mueller und Oppenheimer (Princeton, 2014) behalten Menschen mehr und verstehen tiefer, wenn sie von Hand mitschreiben – verglichen mit Laptopnotizen. Aus der Mode? Ja. Aber dann irrt sich eben gerade die Mode.


Klarheit kostet. Manchmal sogar ein warmes Mittagessen.

 
 
 

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