Von unser täglich McKinsey

Meinen allerersten LinkedIn-Post habe ich im März dieses Jahres veröffentlicht. Kaum publiziert, muss ich ihn umgehend ändern, denn er endete auf «Gut so, Claude?». Ich hatte vergessen, die letzte Zeile zu löschen. Peinlich, peinlich …
Dabei sind gerade wir KMUler so stolz darauf, keine Berater zu brauchen. Wir machen uns gerne lustig über McKinsey & Co., die aus ihrem Elfenbeinturm heruntersteigen, uns ihre Analysen um die Ohren hauen und uns empfehlen, was wir entweder ohnehin schon wussten oder garantiert nie umsetzen werden. Karen Phelan, dreissig Jahre im Beratungsgeschäft, hat das in ihrem Buch auf den Punkt gebracht: «Hoppla, ich habe Ihre Firma versenkt!» Wir lachen. Uns käme so einer nicht ins Haus.
Und dann öffnen wir täglich Claude – und Hand aufs Herz: Wir tun, was er sagt. Zumindest meist. Wir posten, was er gutheisst, verschicken die Offerte, die er formuliert hat, streichen den Absatz, den er für schwach hält. Geht es schief, ist auch hier weit und breit keiner, der die Verantwortung trägt. Ausser dem, der entschieden hat. Es ist genau das Gleiche wie mit den Elfenbeintürmlern, bloss günstiger – und versteckter.
Die Börse hat das längst begriffen. Als Anthropic, die Firma hinter Claude, im Februar neue Werkzeuge vorstellte, verloren Software- und IT-Dienstleister-Aktien 285 Milliarden Dollar. Accenture, der grösste Technologieberater der Welt, war im Juni an der Börse nur noch halb so viel wert wie zu Jahresbeginn. Und die Berater selber? Accenture schult 30'000 Leute auf Claude, Deloitte hat ihn an 470'000 Mitarbeitende verteilt. Der Berater, der aus dem Elfenbeinturm steigt, hat vorher Claude gefragt.
Darum brauchen wir zweierlei: Erstens etwas Bescheidenheit, bevor wir auf die ach so bösen Beratungsfirmen zeigen. Wir holen uns den Rat genauso, nur heimlich, ohne Zwischenhändler. Zweitens eine Sitzordnung. Wenn wir den Konzernchefs zu Recht vorwerfen, dass sie McKinsey & Co. blind folgen, müssen wir uns dieselbe Frage stellen: Wer sitzt bei einer Idee vorne?
Mein Vorschlag: der Mensch und die KI als Tandem. Ich vorne, Claude hinten. Für beide Sättel gilt derselbe Disclaimer: «Claude ist eine KI und kann Fehler machen. Bitte überprüfe die Antworten.» – «Roger ist ein Mensch und kann Fehler machen. Bitte überprüfe die Antworten.» Besser als Claude bin ich nicht. Aber nur ich kann Verantwortung übernehmen oder mich schämen, wenn ich mal wieder nach hinten frage: «Gut so, Claude?»



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