Vom kalkulierten Kind
- Roger Koch

- Jul 16
- 2 min read
Übermorgen heiratet meine zweitälteste Tochter. Am 8. August heiratet mein ältester Sohn – und letzten Montag lief mein 13-Jähriger nach einem Streit weg, hatte genug vom Alltag und vom Alten, nahm Reissaus. Und während ich das schreibe, nervt mich meine 11-Jährige mit ihren Bedenken zu einem zerknitterten T-Shirt, das sie frisch vom Stewi genommen hat.
Ja, Kinder sind auch nur Menschen. Und auf der Erde, jener Schnittmenge aus Himmel und Hölle, ist alles zwiespältig – das Kinderhaben inklusive.
Das wissen wir spätestens, seit uns der Segen der Empfängnisverhütung ereilte, denn nun haben wir die Qual des Ob und Wann: Wollen wir überhaupt? Wann sind wir «so weit»? Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Meine Antwort: Gar nie. Kinder passen nie rein. Ich hatte meine erste Tochter mit 25, das fünfte Kind mit 39. Der Zeitpunkt war immer denkbar schlecht: zuerst grün hinter den Ohren, dann verstresst in meinen Firmen, keine Nerven für verpinkelte Betten und geldknappe Ferien. Aber irgendwie schafft man es doch, und dann ists, zumindest im Rückblick, auch schön. Und für die Kinder? Die haben unter mir genauso gelitten, wie sie von mir profitiert haben. Eltern geben das Bestmögliche und schaffen doch nur das Menschenmögliche. So sind die irdischen Verhältnisse nun mal.
Wenn es aber sowieso nie passt und wir ohnehin hinter unseren Ansprüchen zurückbleiben, dann sollten wir uns über die Planung und unsere Erziehung weniger den Kopf zerbrechen. Dann können Kinder getrost «aus dem Dunkeln kommen» (Ludwig Hasler). Sie sind dann einfach Teil unseres Lebens, so willkommen oder unwillkommen wie eine Erbschaft oder ein Blitzschlag, kein Jetzt-passt-es-gut-Statussymbol. Sie sind da, fertig, arrangeons-nous.
Ich sehe das weder als Nonchalance noch als Gleichgültigkeit: Diese Nichtverzweckung ist die Bedingung der kindlichen und menschlichen Freiheit.
Zu einfältig? Vielleicht. Aber vor lauter Planen, Absichern und Richtigmachenwollen sehen wir am Ende bloss noch uns und gar nicht mehr die Kinder – und machen dann keine mehr. Oder wir sehen bloss noch die schrecklichen Umstände und verweigern uns aus «Verantwortungsbewusstsein» den Nachwuchs. Dabei ist die Welt doch ein Ort voller Schrecken und voller Schönheit (C. S. Lewis). Sich darin zu tummeln ist ein unkalkulierbares Risiko, und wie es ausgeht, hängt nicht bloss von uns Eltern oder den Umständen ab. Darum: Kinder kriegen heisst, neuen Menschen die Chance zu geben, in diesem Welttheater ihre Rolle zu finden und mitzuspielen. Nicht mehr, nicht weniger.
Am Samstag ist der nächste Akt im Lebenstheater meiner Tochter. Und der 13-Jährige fand sich übrigens auch wieder und wird dabei sein. Echtes Leben, Drama inklusive.



Comments