Vom Kompass
- Roger Koch

- Jul 23
- 2 min read
Zürichs Bahnhofrestaurant «Brasserie Federal» ist nach wie vor einer der besten Orte für Gespräche. Dort traf ich mich kürzlich mit einem guten Freund zum Austausch über Gott und die Welt. Wir werden älter, die Diskussionen versöhnlicher, aber an einem Punkt wurde es dennoch hitzig. Er: «Warum macht deine Firma nicht mehr für den Umweltschutz?!» – Ich: «Weil ich nicht alles tun kann!»
Wir fühlten uns beide ertappt: Er, weil ihm dämmerte, dass jedes Anliegen nun mal Energie kostet. Ich, weil ich merkte, wie meine Prioritäten bei einer Frage – gefühlt einem Vorwurf – schnell durcheinandergerieten.
Tagtäglich tragen irgendwelche Menschen irgendwelche Anliegen an irgendeine übergeordnete Stelle heran. Im Grossen nerve ich mich mindestens einmal monatlich über irgendeinen hirnverbrannten politischen Vorstoss: Kompostieren im eigenen Garten bloss noch mit amtlicher Genehmigung (Zürich). Nächtliches Kuhglockenverbot (Berikon). Entwaffnung der Stadtpolizei (Lausanne). Und zu guter Letzt das Ablenkungsmanöver aus Brüssel: Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte. Wenn Europa bei KI schon hoffnungslos abgehängt ist, macht sich Brüssel wenigstens mit einem dicken Packen Regulierung bei seinen Bürgern wichtig.
Apropos Ablenkungsmanöver: Worüber ich mich im Grossen ärgere, damit werde ich im Kleinen laufend konfrontiert. Die Mitarbeiterin, die findet, wir sollten mehr für das Teambuilding im Unternehmen tun. Der Mitarbeiter, der findet, er habe ein Anrecht auf mindestens zwei Tage Homeoffice pro Woche. Und die drei besonders besorgten Mitarbeitenden, die finden, wir sollten Entscheide im Unternehmen demokratischer gestalten.
Mag alles berechtigt sein. Aber unsere Energie ist nun mal begrenzt, wir sind kein Perpetuum mobile. Wie also navigieren angesichts permanenter Partikularinteressen? Mit einem Kompass, und zwar mit einem, der nach Norden zeigt. Zum Beispiel so: «Schau, ich verstehe, dass dir das wichtig ist. Aber wir können nicht alles tun. Wir haben nur begrenzt Energie – und weil wir aktuell A, B und C machen, kommt es auf die Traktandenliste, wird jetzt aber nicht behandelt.»
Parkierte Anliegen auf einer transparenten Traktandenliste, klare Prioritäten obenan. Meine Erfahrung: Das funktioniert fast immer. Natürlich nur, wenn es einen Norden gibt: mehr Sales-Leute, KI in der Buchhaltung, Sommeranlass mit Grillieren am Bodensee.
Andernfalls ähnelt unser Navigationssystem eher Jack Sparrows Kompass, dessen Nadel immer dorthin zeigt, wo die Erfüllung eines Wunsches liegt. Wobei: Sparrows Kompass zeigt wenigstens auf das, was sein Träger am meisten begehrt. Der Chef ohne Prioritäten ist schlimmer dran als der Pirat, denn seine Nadel schlägt bei jedem um, der das Büro betritt.
Wer alles tun könnte, bräuchte keinen Kompass, schon klar. Aber das Perpetuum mobile ist nun mal eine Utopie. Wir Menschen brauchen Energiequellen – zum Beispiel Freunde und Feierabendbier im Federal.



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