Von der Ödnis des Ichs
- Roger Koch

- Jul 30
- 1 min read
Vor Kurzem hat mir mein Bruder ACE Studio gezeigt. Eine Software, mit der sich fast jedes Lied auf meinen Geschmack hinbiegen lässt, ja, überhaupt ganze Lieder nach meinem Geschmack und auf mein Kommando hin erstellen lassen.
War lustig, beeindruckend – gibt mir aber zu denken, in einem allgemeineren Sinn. Denn irgendwie begegnet mir das Phänomen immer häufiger: Spotify überrascht mich selten, trällert mir vor, was eh schon «in meiner Range» liegt. mymuesli erstellt mir schon lange die Mischung nach meinem Gusto, und der Architekt fragt mich, wie denn mein Haus aussehen soll … weiss ich übrigens bis heute nicht.
Alles, was ich weiss und mich frage: Warum muss eigentlich alles so nach mir aussehen? Haben die Freunde und Erfinder neuer Ideen keine Ahnung mehr, was mich überraschen, beeindrucken, inspirieren könnte – oder schlicht keine Lust darauf?
Erscheint mir alles wie delegierte Ratlosigkeit. Dabei zahl ich doch nicht für mein Spiegelbild – mich kenn ich ja schon. Ich will ein Lied, das mich über mich hinausträgt, ein Müesli, das meinen Geschmack stimuliert, ein Haus, das mich in Form bringt.
So etwas passiert selten. Zuletzt in Gestalt von Rachmaninows zweitem Klavierkonzert, den One-Line-Art-Bildern der deutschen Künstlerin Judith Clara oder von Parfums der Marke Noise.
Keiner von denen hat mich je gefragt, was mir gefällt. Sie haben einfach getan, was sie am besten können – und mich lebendiger zurückgelassen, als ich mich kannte.



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