Von Mangel und Wille
- Roger Koch

- Jun 24
- 2 min read
«Gesundheitsfakten» aus Berlin bescherte mir am gestrigen Mittwochabend mindestens eine unruhige Stunde. Das Portal postete auf Instagram: «Wir sind reich, wenn wir gesund sind.» So, so, dachte ich und wusste, dass aus dem ruhigen Fussballabend nichts werden würde.
Der Satz kam mir schon in anderer Form unter: Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts. Das mag stimmen, aber was mir keine Ruhe liess und lässt, ist die Verengung auf Gesundheit. Dieser Satz stimmt doch für fast alles: Wenn ich in der Wüste bin, würde ich zehn Jahre meines Lebens für eine Flasche Wasser geben – ohne Wasser ist dann alles nichts. Wenn ich im Gefängnis bin, ist ohne Privatsphäre alles nichts; wenn ich Schulden habe, ist ohne Geld alles nichts.
Die Reihe lässt sich beliebig fortführen und erinnert mich an die Pflanzenbiologie: Wenn einer Pflanze Licht fehlt, kann ich noch so viel giessen, sie wächst nicht weiter; wenn ihr Stickstoff fehlt, kann sie noch so viel Sonne haben, sie wächst erst, wenn ich Stickstoff zuführe. Also bestimmt das schwächste Glied das Wachstum. Nennt sich wohl Minimumprinzip.
Und das stimmt geschäftlich wie privat: Es kommt darauf an, den Engpass zu kennen und daran zu arbeiten. Klingt banal, ich weiss. Aber dahinter steckt etwas Unbequemeres: Statt uns dauernd zu fragen «Was will ich?», sollten wir uns mal – ganz Pflanze – fragen: «Was fehlt mir?»
Diese Frage der Biologie schlägt den Willen allemal. Ihr Herz schlägt ohne Ihren Willen, Ihr Magen verdaut ohne Ihren Willen, Ihre Leber entgiftet ohne Ihren Willen. Sie spürt jeden Mangel, längst bevor Sie etwas wollen. Und gewachsen wird erst, wenn er gestillt ist.
Biologie – Wille 1:0.
PS: Auf dem Bild meine Hortensie: Mag keine Sonne, hat dafür Durst für zwei. Der Lavendel ein paar Schritte weiter will das Gegenteil: pralle Sonne und trockene Füsse. Die einen ersaufen im Zuviel, die anderen welken im Zuwenig. Jeder ihr Mangel.



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